Geschichte der Türkischen Mittelmeerküste
3.600 Jahre auf 1.600 Kilometern: Hethiter, Ionier, Lyder, Perser, Makedonen, Römer, Byzantiner, Seldschuken, Osmanen, Republik. Fast jede Ruine an dieser Küste war schon zweimal etwas anderes.
Wer an der Türkischen Riviera Urlaub macht, läuft ständig durch Geschichte, ohne es zu merken. Der Sockel des Uhrturms in Antalya ist römisch, die Moschee daneben seldschukisch, das Hotel davor von 1994. Diese Seite ordnet die Schichten, damit klar wird, was man eigentlich ansieht. Sie folgt der Zeit von den Hethitern bis zum ersten Chartertourismus und verweist am Ende darauf, wo sich welche Epoche heute am besten besichtigen lässt.
Vor den Griechen: Hethiter, Luwier, Seevölker
Die ältesten Schriftzeugnisse Anatoliens stammen nicht von der Küste, sondern aus dem Hochland. Um 1600 v. Chr. gründeten die Hethiter das erste Großreich Kleinasiens, übernahmen die Keilschrift und legten in ihrer Hauptstadt Hattuša ein Staatsarchiv an, das heute noch ausgewertet wird. An der Ägäis und in Lykien lebten damals luwischsprachige Gruppen, deren Ortsnamen sich teilweise bis heute halten. Um 1200 v. Chr. brach das hethitische Reich unter dem Ansturm der sogenannten Seevölker zusammen. Was danach kam, liegt weitgehend im Dunkeln: Die Paläste verschwanden, die Schrift ging verloren, die Küste zerfiel in kleine Siedlungen.
Troia, Homer und der Streit um die Wahrheit
Für die Zerstörung Troias im 13. Jahrhundert v. Chr. werden meist mykenische Griechen verantwortlich gemacht. Berühmt wurde das Ereignis erst Jahrhunderte später durch Homer, der um 800 v. Chr. in Smyrna, dem heutigen Izmir, gelebt haben soll. Heinrich Schliemann grub ab 1870 am Hügel Hisarlık und fand nicht eine Stadt, sondern neun übereinanderliegende Siedlungsschichten. Der von ihm gefundene Goldschatz wurde nach Berlin gebracht, seine Datierung stellte sich später als falsch heraus. Wer heute nach Troia fährt, sieht vor allem Mauerreste verschiedener Epochen und ein Museum, das die Grabungsgeschichte ehrlich erzählt.
Ionien: Städte, Philosophen und die Erfindung des Geldes
Ab dem 10. Jahrhundert v. Chr. kolonisierten ionische, äolische und dorische Griechen die Küste und gründeten Städte, die bald reicher waren als das Mutterland. Milet stach heraus: Von hier stammen Thales und Anaximander, in Ephesos lehrte Heraklit. Die westliche Philosophie begann nicht in Athen, sondern an dieser Küste, und zwar in Städten, die vom Fernhandel lebten. Die Lyder, deren Hauptstadt Sardes im Hinterland lag, prägten im 7. Jahrhundert v. Chr. die ersten Münzen aus Elektron. Der letzte Lyderkönig Kroisos, sprichwörtlich reich, verlor sein Reich 546 v. Chr. an die Perser.
Perser, Alexander und die Diadochen
Unter persischer Herrschaft blieben die griechischen Städte bestehen, mussten aber Tribut zahlen und Truppen stellen. Der von Milet geführte Ionische Aufstand scheiterte, die Stadt wurde 494 v. Chr. zerstört. Erst Alexander der Große beendete 334 v. Chr. die persische Vorherrschaft. Auffällig ist, wie unterschiedlich die Städte reagierten: Manche öffneten die Tore, das pisidische Termessos im Bergland widerstand so erfolgreich, dass Alexander weiterzog. Nach seinem Tod zerfiel das Reich unter seinen Generälen, und in Kleinasien stieg ein neuer Machtfaktor auf, der aus einer Festungsstadt im Kaikos-Tal kam.
Pergamon: eine Bibliothek und ein Testament
Die Attaliden machten Pergamon zur Residenz mit Theater am Steilhang, Zeusaltar und einer Bibliothek, die mit Alexandria konkurrierte. Als Ägypten kein Papyrus mehr lieferte, wurde in Pergamon das Pergament verbessert, das der Stadt seinen Namen verdankt. 133 v. Chr. vererbte Attalos III. sein Reich an Rom. Aus dem Erbe wurde die Provinz Asia, eine der reichsten des Imperiums. Der Zeusaltar steht heute in Berlin, das Theater und das Trajaneum stehen noch an Ort und Stelle, erreichbar mit der Seilbahn von Bergama.
Römische Blüte, Paulus und die ersten Gemeinden
Die lange Friedenszeit der pax romana brachte der Küste ihre größte Blüte. Ephesos wuchs auf geschätzt 200.000 Einwohner, Aphrodisias lebte von seiner Bildhauerschule, Side und Perge bauten Theater, Thermen und Kolonnadenstraßen. Ab 47 n. Chr. predigte der Apostel Paulus in Perge und Ephesos, hier entstanden die ersten Christengemeinden Kleinasiens. 330 verlegte Konstantin die Hauptstadt des Reichs nach Byzanz, das fortan Konstantinopel hieß, und 391 erklärte Theodosius das Christentum zur Staatsreligion. Aus Tempeln wurden Kirchen, aus Marmorblöcken Baumaterial.
Byzanz: Erdbeben, Verlandung, Rückzug
Was die antiken Städte beendete, waren selten Kriege. Häufiger waren es Erdbeben und die Flüsse: Der Küçük Menderes schob so viel Sediment ins Meer, dass der Hafen von Ephesos verlandete und die Stadt ihren Grund zu existieren verlor. Milet liegt heute Kilometer vom Wasser entfernt. Ab dem 7. Jahrhundert kamen arabische Flottenangriffe hinzu, die Bevölkerung zog sich in befestigte Höhenlagen zurück. Viele Orte, die man heute als Ruinenfeld besichtigt, waren am Ende dieser Zeit schon lange leer.
Seldschuken und Kreuzfahrer
1071 verloren die Byzantiner die Schlacht bei Mantzikert, danach setzte die Türkisierung Anatoliens ein. Das Sultanat von Konya behauptete sich gegen Kreuzfahrerheere und baute an der Südküste eine Infrastruktur auf, die man heute noch sieht: Karawansereien wie Alarahan im Tagesabstand voneinander, Werften in Alanya, das geriffelte Yivli-Minarett in Antalya. Sultan Alaeddin Keykubat I. machte Alanya zur Winterresidenz und ließ den Burgberg befestigen. Gleichzeitig hielten Venezianer, Genuesen und Johanniter Stützpunkte an der Küste, etwa die Burg von Bodrum.
Osmanen, Piraten und die Häfen der Levante
1453 fiel Konstantinopel, das Osmanische Reich griff nach dem gesamten östlichen Mittelmeer. Die Küste wurde ruhiger, blieb aber lange unsicher: Piraterie war bis ins 19. Jahrhundert ein reales Risiko, weshalb viele Orte im Landesinneren lagen und nur der Hafen unten am Wasser. Izmir entwickelte sich zur kosmopolitischen Handelsstadt mit griechischen, armenischen, jüdischen und levantinischen Vierteln. Ayvalık, Çeşme und Kayaköy waren überwiegend griechisch geprägt, eine Tatsache, die man den Häusern bis heute ansieht.
1919 bis 1923: Krieg, Vertreibung, Republik
Nach dem Ersten Weltkrieg besetzte Griechenland Teile Westanatoliens, 1922 endete der Krieg mit der türkischen Rückeroberung und dem Brand von Izmir. Der Vertrag von Lausanne regelte 1923 den Bevölkerungsaustausch: Rund 1,2 Millionen orthodoxe Christen mussten Anatolien verlassen, etwa 400.000 Muslime kamen aus Griechenland. Kayaköy bei Fethiye steht seither leer, in Ayvalık zogen Neuankömmlinge in die verlassenen Häuser. Im selben Jahr rief Mustafa Kemal Atatürk die Republik aus und setzte eine westlich ausgerichtete Kulturrevolution durch, von der lateinischen Schrift bis zur Trennung von Religion und Staat.
Ab 1960: wie aus Fischerdörfern Ferienorte wurden
Bis in die 1960er Jahre war die Südküste schwer erreichbar, die Straße von Antalya nach Alanya wurde erst nach und nach ausgebaut. Mit dem Flughafen Antalya, günstigen Krediten für Hotelbauten und dem Chartertourismus kam der Wandel: Aus Kemer wurde ein geplanter Ferienort, Belek entstand komplett am Reißbrett, Alanya wuchs entlang der Küste. 1999 kostete das Erdbeben bei Izmit 40.000 Menschen das Leben, 2001 folgte eine Finanzkrise. Die Tahtalı-Seilbahn bei Kemer ging 2007 in Betrieb. Nach der Pandemie kamen die Gäste zurück, die Zusammensetzung hat sich aber verschoben.
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Zeitleiste
Wo sich welche Epoche besichtigen lässt
Die Theorie bleibt hängen, wenn man danebensteht. Diese Ziele decken die wichtigsten Epochen ab.
- Ephesos für die römische Provinzhauptstadt
- Pergamon für die hellenistische Residenz
- Termessos für die pisidische Bergfestung
- Aspendos und Perge für römische Bautechnik
